Errettet aus des Teufels Küche

18. Mai, 2016

 

 

 

Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schmutz und Schlamm, und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann;  (Psalm 40, 3)

 

 

 

Wie hätte ich zu Beginn des Jahres 1985 ahnen können, dass es mein ganz persönliches "Schicksals- und Wendejahr" werden sollte? Ich fühlte mich eigentlich nur leer und ausgebrannt, ratlos und unglücklich.
    Im Zuge einer intensiven  Sinnsuche  geriet ich dann auf einen gefährlichen Irrweg. Ich ließ mich auf Dinge ein, auf die man sich besser nicht einlassen sollte. Und dann, an einem schönen Junitag, brach urplötzlich das  Chaos aus.
Aber ich erzähle die Geschichte besser von Anfang an.

18. Mai, 2016
 
 Meine Geschichte beginnt am Anfang des Jahres 1985. Damals war ich 27 Jahre alt und lebte, rein äußerlich betrachtet, nicht schlecht. Ich wohnte in einer kleinen möblierten Wohnung am Stadtrand von Düsseldorf und mein Studium ließ mir viel freie Zeit. Aber ich fühlte mich unglücklich, ohne dass ich dafür genaue Gründe hätte angeben können. Allerdings dürfte auch Enttäuschung dabei eine Rolle gespielt haben.       
   
Ein Weg, in den ich sehr viel Zeit, Energie und Hoffnungen investiert hatte, war an sein Ende gekommen. Ich hatte einige Jahre recht intensiv und durchaus mit einigem Erfolg Schach gespielt.
    Zeitweise hatte ich mir sogar ernsthaft überlegt aus meinem Hobby einen Beruf zu machen. Aber irgendwann sah ich ein, dass es dafür vermutlich nicht reichen würde. Es mangelte mir einfach an der notwendigen Hingabe und Disziplin.
    Mit dieser Einsicht ließ meine Motivation stark nach und es folgte eine sportliche Abwärtsspirale, die letztlich zu meiner Abkehr vom Turnierschach führte.
   
Ich fühlte mich leer und ausgebrannt. Wie soll es weitergehen? Ist das Leben an sich nicht  völlig sinnlos? waren zwei Fragen, auf die ich keine Antwort hatte.
    Deshalb beschloss ich mir eine Auszeit zu nehmen und mich eine Zeitlang zum Lesen und Nachdenken in meine Wohnung zurückzuziehen. Vielleicht würde ich ja Antworten finden, die in der Zukunft ein glückliches und sinnerfülltes Leben ermöglichen würden.
 
18. Mai, 2016

 

Ich startete meine Auszeit am Neujahrsmorgen ohne einen genauen Plan. Aber ich merkte recht schnell, dass ich nicht nur herumsitzen, Kaffee oder Tee trinken und nachdenken konnte. So griff ich mir „Unterm Rad“ aus einer Hesse-Gesamtausgabe heraus und begann darin zu lesen.
    Nach einigen Tagen hatte sich dann eine gewisse Tagesstruktur herausgebildet. Vormittags las ich in einem Hessebuch, nachmittags ging ich in der näheren Umgebung spazieren und las danach weiter bis zum frühen Abend.
Später  versuchte ich dann bei gefälliger Hintergrundmusik über mich und das Leben nachzudenken.

Als notorischem Einzelgänger fiel mir dieses Eremitentum auf Zeit nicht sonderlich schwer. In gewisser Weise genoss ich es sogar, zumal sich die Hesselektüre als eine gute und passende Wahl erwies. Seine Romanfiguren waren oft Außenseiter auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und ihrem Platz in der Welt.
    Was mir weniger gut gefiel, war das häufige Scheitern seiner Helden und die damit verbundene „Botschaft“ Hesses: "Erwarte nicht zu viel vom Leben. Sei bescheiden, beherrsche deine Wünsche und Sehnsüchte, und führe ein mehr oder weniger maßvolles, asketisches Leben! Dann wirst du vielleicht eines Tages ein einigermaßen zufriedener Mensch werden!" 
    Ein asketisches Leben führen und dann bestenfalls am Ende ein wenig Zufriedenheit ernten?  Ich schüttelte den Kopf. Nein, ich wollte ein erfülltes, glückliches Leben! Mit weniger würde ich mich nicht zufrieden geben. Gleichzeitig nagte aber der Zweifel an mir, ob Hesse vielleicht nicht doch recht hatte und meine Suche vergebens sein würde.
    Vergebens? Ich fühlte einen kleinen Anflug von Angst. Ein Leben ohne Glück?  Der Gedanke war wirklich schwer zu ertragen. Ich muss es versuchen! Selbst auf die Gefahr hin, dass ich das Glück niemals finden werde!

Nach etwa vier Wochen beendete ich meine Auszeit. Sie hatte zwar  zu keinem wirklichen Ergebnis geführt, aber ich wußte nun, dass ich mich keineswegs mit einem normalen, langweiligen Leben zufrieden geben wollte. Ich werde mich jetzt neu ins Leben verstricken und vielleicht kommt mir ja der Zufall zu Hilfe!, ermutigte ich mich.

18. Mai, 2016

 

Etwa eine Woche später war ich, entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit,  ohne Fahrrad zu Fuß unterwegs. Ich hatte mich noch nicht allzu weit von meiner Wohnung entfernt, als ich an einem  kleinen „Hexenhäuschen“ vorbeikam. Es hatte schon einige Male zuvor im Vorbeifahren mein Interesse erregt.
    Ich blieb an der Gartenpforte stehen, blickte durch den leicht verwilderten Vorgarten hinüber zu dem Häuschen mit dem leicht windschiefem Dach. Eine schwarze Katze schaute mich fragend an, drehte um und verschwand dann unter einem großen Nadelbaum.
    Gerade wollte ich schon wieder losgehen, als mein Blick auf das kleine Namensschild am Zaun fiel: M.Borke. Ich stutzte, denn ich hatte einige Jahre zuvor  mit einem Michael Borke an einer Hochschulmeisterschaft im Schach teilgenommen. Wohnt der vielleicht hier? Das wäre ja ein Ding! Da wären wir ja quasi seit fast einem Jahr „Nachbarn“, ohne etwas davon gemerkt zu haben.
      Schon wollte ich den Klingelknopf drücken, als mir plötzlich Bedenken kamen: Vielleicht wohnt hier ja doch jemand Anderes. Das wäre dann doch etwas peinlich! Ich entschied die Sache dem Zufall zu überlassen. Wenn er wirklich hier wohnte, würden wir uns früher oder später schon über den Weg laufen.  Ich blickte noch einmal zu dem Häuschen hinüber und setzte dann meinen Weg fort.

Eine Woche später, an einem regnerischen Wintertag, stieg ich in einen Bus in Richtung Innenstadt. Wie es der Zufall - oder das Schicksal – so wollte, stieg an der nächsten Haltestelle Michael Borke ein, ohne mich allerdings wahrzunehmen. Erst als ich aufstand und zu ihm hinging, erkannte er mich. Er schien sehr erstaunt über unserer Wiedersehen und erzählte mir, dass er normalerweise immer mit dem Rad unterwegs wäre. „Das ist hier eine absolute Ausnahme. Mein Fahrrad ist defekt und ich muss wegen eines Ersatzteils in die Stadt“. "Ja," entgegnete ich, "eigentlich bin ich auch ein überzeugter Fahrradfahrer. Aber bei diesem Sauwetter hatte ich einfach keine Lust auf`s Rad!                                                          

Wie sich herausstellte wohnte er tatsächlich in jenem kleinen Hexenhäuschen. Als ich ihm erzählte, dass wir fast Nachbarn wären, meinte er spontan: „Na, dann wird es aber Zeit, dass du mich mal besuchen kommst!“ „Abgemacht“, sagte ich, „ich schaue demnächst mal bei dir rein!“                                               Wir unterhielten uns noch eine Weile angeregt über dies und jenes, dann war mein Zielort erreicht. Als ich mich in Richtung Ausstieg bewegte, rief er mir nach: „Aber den Besuch nicht vergessen. Du bist jederzeit herzlich willkommen!“

18. Mai, 2016
 
Die  Begegnung mit Michael hatte mich zuversichtlich gestimmt. Hier schien sich etwas anzubahnen, von dem ich allerdings noch nicht sagen konnte, wohin es mich führen würde. Einige Tage später machte ich mich früh abends auf den Weg zum „Hexenhäuschen“. Und ich hatte Glück, denn Michael war tatsächlich zuhause.
    Von ihm in die Wohnung gebeten, konnte ich mich einer gewissen Verwunderung nicht erwehren. In einer großen Wohnstube mit integriertem Küchenbereich standen nur ein Tisch, ein Sessel und ein Stuhl, einige Bücherregale und ein alter Kohleofen, der aber nicht einmal brannte.
    Er schien meinen prüfenden Blick zum Ofen hin mitbekommen zu haben, denn er begann sich sofort  zu rechtfertigen: „Ich muss ein bisschen sparen. Den Ofen mache ihn nur an, wenn es richtig kalt draußen ist.“  Etwas irritiert fragte ich ihn: „Aber es ist Winter! Frierst du denn nicht manchmal?“
   
Ach,“ entgegnete er recht gelassen, „wenn es richtig kalt ist, ziehe ich mir einfach einen zweiten Pullover über. Und außerdem ist oben auch noch mein Bett, in das ich mich notfalls legen kann.“ Dann schaute er mich forschend an, und plötzlich lachte  er: „Keine Angst, du brauchst heute Abend nicht zu frieren. Ich werde gleich mal den Ofen in Gang bringen!“
    Wenig später saßen wir bei einer Tasse Kräutertee in der Nähe des nun brennenden Ofen. Michael hatte mir den bequemen Sessel überlassen und gegenüber auf dem Stuhl Platz genommen. Michael lächelte und sagte dann: „So, dann erzähl doch mal! Wie ist es dir denn in den letzten Jahren so ergangen ?" Ich lehnte mich in den Sessel  zurück und begann in meinen Erinnerungen zu kramen.
 
Ich erzählte ihm von meinen Erfolgen im Schach, einer gescheiterten Liebesbeziehung, ein bisschen von meinem doch eher ungeliebten Studium. Schließlich sagte ich: „Wenn ich ehrlich bin, weiß ich im Moment gar nicht so recht, wie es weitergehen soll!“ Woraufhin wir beide erst einmal einen Moment schwiegen. 
     Bevor die entstandene Stille dann doch zu peinlich werden konnte, griff ich nach meiner Tasse und sagte: “Und? Wie ist es dir ergangen? Erzähl mal!“ Dann nahm ich einen kräftigen Schluck und lehnte mich erneut in den Sessel zurück. „Ja“, sagte er, „ ein bisschen hast du ja schon gesehen, wie ich lebe. Und das ist kein Zufall sondern eine bewusste Entscheidung. Mir ist das Spirituelle wichtiger als das Materielle!“ Ich schaute ihn erstaunt an: „Wie meinst du das?“

   
Nach einer weiteren halben Stunde hatte ich sein spirituelles Lebenskonzept halbwegs verstanden. Es basierte auf der Annahme, dass der Mensch in erster Linie ein geistiges Wesen (Seele) und der Körper nur dessen Behausung sei. Und diese Seele immer wieder in neue Körper hineingeboren würde. „Die Buddhisten nennen dies Reinkarnation oder Wiedergeburt!“ erklärte er.
      „Ja, und wie lange soll das mit den Wiedergeburten so gehen?“ fragte ich etwas skeptisch nach. „Bis zur Erleuchtung! Wenn die Seele sich bis zur Vollkommenheit entwickelt hat, folgt die Erleuchtung. Und dann wird man nicht mehr wiedergeboren, sondern geht in das Nirwana ein!“ Er lächelte: „Aber das kann dauern! Manchmal mehrere tausend Inkarnationen! Der Weg ist das Ziel!“

Das klang natürlich alles recht abenteuerlich. Aber warum sollte es nicht so sein? Auf jeden Fall eine angenehmere Vorstellung als die,  dass nach dem irdischen Tode alles vorbei ist. Er fuhr fort: „Ich konzentriere mich hauptsächlich auf meine geistige Weiterentwicklung, deshalb meine asketische Lebensweise. Ich will mich nicht zu sehr durch materielle Dinge ablenken lassen!“
      "Bist du ein Buddhist?", fragte ich ihn. Er überlegte kurz und entgegnete dann: "Nein, eigentlich  nicht. Ich würde mich eher als einen Esoteriker bezeichnen." Erneut schaute ich ihn erstaunt an. "Ein Esoteriker? Was ist denn das?"
      "Esoterik", sagte er, "heisst geheimes Wissen. Ein Esoteriker ist also jemand, der geheimes Wissen besitzt." Und dann erzählte er mir noch von seiner Beschäftigung mit der Astrologie und den Tarotkarten. Und davon, dass nun das „Wassermannzeitalter“ (New Age) angebrochen und es vorherbestimmt sei, dass das Interesse an den esoterischen Dingen allgemein zunehmen würde.
   
Natürlich verstand ich nicht Alles, was er mir an diesem Abend erzählte. Aber meine Neugier und mein Interesse war geweckt. Konnte es nicht sein, dass die Sterne unseren Charakter und unser Schicksal tatsächlich beeinflussten? Und man dem Rat der Tarotkarten bei Lebensfragen und Entscheidungen vielleicht vertrauen konnte? Und warum sollten wir nicht Seelen sein, die immer wieder neu in andere Körper hineingeboren wurden und sich neu zu bewähren hatten?
    Als ich mich nach Mitternacht von Michael verabschiedete und mich auf meinen Heimweg begab, spürte ich eine neue Hoffnung in mir. War dies jetzt der Zufall gewesen, auf den ich insgeheim gewartet hatte ? Ich blickte hinauf in den winterlichen Sternenhimmel. Konnte es wirklich sein, dass unser Schicksal von dort bestimmt und beeinflusst wurde?
      Ich war mir nicht sicher. Aber es hatte sich unerwartet eine „neue Tür“ aufgetan und ich war entschlossen, durch sie hindurch zu gehen.. Es schien  mir einen Versuch wert zu sein. Wie hätte ich auch ahnen sollen, dass ich in eine teuflische Falle getappt war?

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