18. Mai, 2016

Das Namensschild am Gartentor

 

Etwa eine Woche später war ich, entgegen meiner sonstigen Gepflogenheit,  ohne Fahrrad zu Fuß unterwegs. Ich hatte mich noch nicht allzu weit von meiner Wohnung entfernt, als ich an einem  kleinen „Hexenhäuschen“ vorbeikam. Es hatte schon einige Male zuvor im Vorbeifahren mein Interesse erregt.
    Ich blieb an der Gartenpforte stehen, blickte durch den leicht verwilderten Vorgarten hinüber zu dem Häuschen mit dem leicht windschiefem Dach. Eine schwarze Katze schaute mich fragend an, drehte um und verschwand dann unter einem großen Nadelbaum.
    Gerade wollte ich schon wieder losgehen, als mein Blick auf das kleine Namensschild am Zaun fiel: M.Borke. Ich stutzte, denn ich hatte einige Jahre zuvor  mit einem Michael Borke an einer Hochschulmeisterschaft im Schach teilgenommen. Wohnt der vielleicht hier? Das wäre ja ein Ding! Da wären wir ja quasi seit fast einem Jahr „Nachbarn“, ohne etwas davon gemerkt zu haben.
      Schon wollte ich den Klingelknopf drücken, als mir plötzlich Bedenken kamen: Vielleicht wohnt hier ja doch jemand Anderes. Das wäre dann doch etwas peinlich! Ich entschied die Sache dem Zufall zu überlassen. Wenn er wirklich hier wohnte, würden wir uns früher oder später schon über den Weg laufen.  Ich blickte noch einmal zu dem Häuschen hinüber und setzte dann meinen Weg fort.

Eine Woche später, an einem regnerischen Wintertag, stieg ich in einen Bus in Richtung Innenstadt. Wie es der Zufall - oder das Schicksal – so wollte, stieg an der nächsten Haltestelle Michael Borke ein, ohne mich allerdings wahrzunehmen. Erst als ich aufstand und zu ihm hinging, erkannte er mich. Er schien sehr erstaunt über unserer Wiedersehen und erzählte mir, dass er normalerweise immer mit dem Rad unterwegs wäre. „Das ist hier eine absolute Ausnahme. Mein Fahrrad ist defekt und ich muss wegen eines Ersatzteils in die Stadt“. "Ja," entgegnete ich, "eigentlich bin ich auch ein überzeugter Fahrradfahrer. Aber bei diesem Sauwetter hatte ich einfach keine Lust auf`s Rad!                                                          

Wie sich herausstellte wohnte er tatsächlich in jenem kleinen Hexenhäuschen. Als ich ihm erzählte, dass wir fast Nachbarn wären, meinte er spontan: „Na, dann wird es aber Zeit, dass du mich mal besuchen kommst!“ „Abgemacht“, sagte ich, „ich schaue demnächst mal bei dir rein!“                                               Wir unterhielten uns noch eine Weile angeregt über dies und jenes, dann war mein Zielort erreicht. Als ich mich in Richtung Ausstieg bewegte, rief er mir nach: „Aber den Besuch nicht vergessen. Du bist jederzeit herzlich willkommen!“