18. Mai, 2016

Ein Monat mit "Hermann Hesse"

 

Ich startete meine Auszeit am Neujahrsmorgen ohne einen genauen Plan. Aber ich merkte recht schnell, dass ich nicht nur herumsitzen, Kaffee oder Tee trinken und nachdenken konnte. So griff ich mir „Unterm Rad“ aus einer Hesse-Gesamtausgabe heraus und begann darin zu lesen.
    Nach einigen Tagen hatte sich dann eine gewisse Tagesstruktur herausgebildet. Vormittags las ich in einem Hessebuch, nachmittags ging ich in der näheren Umgebung spazieren und las danach weiter bis zum frühen Abend.
Später  versuchte ich dann bei gefälliger Hintergrundmusik über mich und das Leben nachzudenken.

Als notorischem Einzelgänger fiel mir dieses Eremitentum auf Zeit nicht sonderlich schwer. In gewisser Weise genoss ich es sogar, zumal sich die Hesselektüre als eine gute und passende Wahl erwies. Seine Romanfiguren waren oft Außenseiter auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und ihrem Platz in der Welt.
    Was mir weniger gut gefiel, war das häufige Scheitern seiner Helden und die damit verbundene „Botschaft“ Hesses: "Erwarte nicht zu viel vom Leben. Sei bescheiden, beherrsche deine Wünsche und Sehnsüchte, und führe ein mehr oder weniger maßvolles, asketisches Leben! Dann wirst du vielleicht eines Tages ein einigermaßen zufriedener Mensch werden!" 
    Ein asketisches Leben führen und dann bestenfalls am Ende ein wenig Zufriedenheit ernten?  Ich schüttelte den Kopf. Nein, ich wollte ein erfülltes, glückliches Leben! Mit weniger würde ich mich nicht zufrieden geben. Gleichzeitig nagte aber der Zweifel an mir, ob Hesse vielleicht nicht doch recht hatte und meine Suche vergebens sein würde.
    Vergebens? Ich fühlte einen kleinen Anflug von Angst. Ein Leben ohne Glück?  Der Gedanke war wirklich schwer zu ertragen. Ich muss es versuchen! Selbst auf die Gefahr hin, dass ich das Glück niemals finden werde!

Nach etwa vier Wochen beendete ich meine Auszeit. Sie hatte zwar  zu keinem wirklichen Ergebnis geführt, aber ich wußte nun, dass ich mich keineswegs mit einem normalen, langweiligen Leben zufrieden geben wollte. Ich werde mich jetzt neu ins Leben verstricken und vielleicht kommt mir ja der Zufall zu Hilfe!, ermutigte ich mich.