19. Mai, 2016

Die Nacht vor meiner Taufe



Folge 14: (immer noch im Jahre 1985)

Nach etwa drei Monaten hatte ich meine Diplomarbeit mit dem Thema „Das Tabu“ fertiggestellt und termingerecht eingereicht. Aus schon erwähnten Gründen hatte ich einige Zweifel, ob Professor R. kleine „Bibelarbeit“ durchgehen lassen würde. Zumal ich auf der letzten Seite noch eine „Bekehrungseinladung“ angefügt hatte.
    Natürlich war mir klar, dass die Arbeit nicht unbedingt wissenschaftlichen Standards entsprach, aber andererseits: Ging es nicht auch in der Wissenschaft um Wahrheit? Und da fand ich schon, dass ich dazu einen wichtigen Beitrag geleistet hatte. Jetzt galt es halt abzuwarten, wie es vom Professor und der Zweitleserin, auch einer Professorin, aufgenommen werden würde.

In jenen Herbsttagen wurde mir eines Morgens beim Bibellesen klar, dass es in den Anfängen des Christentums die sogenannte Erwachsenentaufe gegeben hatte. Also diejenigen, die neu zum Glauben gekommen waren, ließen sich taufen. Hm, dachte ich, wenn das früher so war, warum ist das heute eigentlich nicht mehr so? 
   Zwei Tage später fiel mir im Jesushaus eine Bekanntmachung an der Türe des Gemeindebüros auf: "Am kommenden Sonntag, den ... , findet in der Grevenbroicher Kapelle wieder eine Erwachsenentaufe statt. Interessierte bitte im Büro bei Eva melden!" Wie sich herausstellte, handelte es sich tatsächlich um jene "urchristliche Erwachsenentaufe", von der ich zuvor in der Bibel gelesen hatte. Ich meldete mich spontan an.

Samstag nachmittags fand dann im Gemeindebüro für alle Täuflinge ein „Taufseminar“ statt, wo wir von einem Ältesten der Gemeinde über den Sinn der Taufe aufgeklärt und auch praktisch für den nächsten Tag vorbereitet wurden.Danach nahm ich noch am Abendgottesdienst teil und kam erst gegen Mitternacht, reichlich geschlaucht und mit leichten Kopfschmerzen, nach Hause. Ich legte mich sofort Schlafen. 

    Etwa eine Stunde später wachte ich auf und war im Nu hellwach. Ich wusste ohne irgendeinen Zweifel, dass sich jemand im Raum befand. Die Gegenwart dieser Person war so stark spürbar, dass ich weder die Augen zu öffnen noch mich zu bewegen wagte. Instinktiv ging mir ein Gedanke durch den Kopf: Freund oder Feind? Im nächsten Moment berührte mich kurz und sanft eine Hand an der Stirn. Augenblicklich begann mich von Kopf bis Fuß ein warmer, wohliger Friedensstrom zu durchfluten. Und dann spürte ich, dass ich wieder alleine war. 
    Als ich die Augen öffnete und im fahlen Halbdunkel umherschaute, konnte ich nichts Ungewöhnliches entdecken. Niemand war da und nichts im Zimmer hatte sich verändert. Nichts zeugte von einiger vormaligen Anwesenheit einer anderen Person, außer – der mächtige Friedensstrom in mir.

Ich lag danach noch einige Zeit wach und dachte über das Geschehene nach. Ganz offensichtlich hatte es sich um einen Freundschaftsbesuch gehandelt. Denn ein Feind hätte mir wohl kaum eine solche innere Erquickung geschenkt. Aber wer war es? Nun, ganz offensichtlich hatte es sich nicht um einen anderen Menschen gehandelt. Wie hätte er oder sie zwei Mal unbemerkt durch ein geschlossenes Fenster oder eine abgeschlossene Haustüre kommen sollen? Und selbst wenn, wie hätte eine menschliche Berührung einen solchen Friedensstrom auslösen können? 

   War es ein Engel? Oder vielleicht sogar Jesus selber? fragte ich mich. Der Gedanke, dass Jesus selber mich besucht haben könnte, schien mir schon etwas vermessen. Aber warum eigentlich nicht? Schließlich wollte ich mich ja am nächsten Tag auf seinen Namen taufen lassen. Wie dem auch sei! dachte ich, morgen wird ein anstrengender Tag und ich muss jetzt schlafen. Und so drehte ich mich wieder zur Seite und schlief kurz darauf wieder ein.

Die Taufe am nächsten Tag ging reibungslos über die Bühne. Zwar hatte ich zeitweise starke Kopfschmerzen, aber der mächtige innere Friedensstrom überdeckte dies. Er hielt bis zum späten Abend an und erinnerte mich an den ungewöhnlichen nächtlichen Besuch ... welch ein großer Gnadenerweis!