27. Feb, 2017

Ende April (1988) ging das erste Bibelschuljahr mit einem Schulfest, zu dem auch viele Ehrengäste und Familien eingeladen waren, zu ende. Für mich war es eher eine lästige Pflichtübung. Ich war noch nie ein Freund solch großer Festivitäten.

Ich erinnere mich, dass ich irgendwann außerhalb des Saales stand, als ich auf einmal über Lautsprecher unbeschreiblich schönen Gesang hörte. Vorgetragen von eben jener Vilja, für die ich ja zwischenzeitlich gewisse Gefühle entwickelt hatte.

Von diesen Gefühlen war nicht viel übrig geblieben. Für einen Moment kam jetzt aber noch einmal schmerzlich das Gefühl der früheren Zuneigung zurück, um dann für immer zu verschwinden.

 

Als eine recht schöne Geste empfand ich eine spontane herzliche  Umarmung eines Mittelstuflers, mit dem es zwischenzeitlich doch gewisse Spannungen gegeben hatte. Das war damit aber bereinigt!

Am nächsten Tag stieg ich in den Zug Richtung St. Tönis und Hubert, um dort einen Kurzurlaub zu verbringen. Wie hätte ich zu diesem Zeitpunkt ahnen können, dass ich - ein Jahr später - nur noch einmal kurz auf die Bibelschule zurückkehren würde, um meine Sachen abzuholen!

 

15. Feb, 2017

Während meiner achtmonatigen Bibelschulzeit kam es schon gelegentlich vor, dass ich mir etwas kaserniert vorkam. Zwar konnte man in den freien Zeiten bis 22 Uhr sich außerhalb des Bibelschulgeländes aufhalten, aber das kleine Dorf Erzhausen (damals 6000 Einwohner) hatte jetzt außer einer gewissen Beschaulichkeit auch nicht gerade viel zu bieten.

So sagte ich denn auch sofort zu, als mich Frank aus der Oberstufe fragte, ob ich Lust hätte an einem kleinen evangelistischen Einsatz im Frankfurter Rotlichtmilieu hätte. „Gut“, sagte er, „ wir treffen uns um 18.30 Uhr bei mir im Zimmer um für den Einsatz vorher zu beten.

 

In Franks Zimmer waren wir zu viert und beteten schon eine ganze Weile, als mir auf einmal ein Wort in den Sinn kam. Ich sagte zu den Anderen: „Mir ist gerade das Wort Einäugiger in den Sinn gekommen.“

Gebetseindrücke sind in pfingstlerischen Kreisen nicht so ungewöhnlich und werden als Hinweise verstanden. „Vielleicht begegnen wir ja einem Einäugigen“, sagte Klaus, „wir sollten dafür offen sein!“ Kurz darauf beendeten wir unsere Gebetszeit, setzten uns dann ins Franks Auto und fuhren Richtung Frankfurt.

 

Wir kamen etwa gegen 20 Uhr am Zielort an und Frank gab uns jedem einen Stapel christlicher Traktate. „Am besten wir gehen umher und verteilen die, wenn sich die Gelegenheit bietet!“, meinte er. An sich keine schlechte Idee und eine übliche Vorgehensweise, aber ich merkte recht schnell, dass ich mich unwohl fühlte. Es war kaum jemand zu sehen und ein paar Angesprochene reagierten sehr abweisend.

„Sorry“, sagte ich zu den Anderen, „aber ich spüre, dass ich mich irgendwie absondern muss. Auf eigene Faust agieren soll. Den Einäugigen suchen muss“ Frank schaute mich überrascht an, sagte aber dann: „Ist gut! Gegen 22 Uhr treffen wir uns dann wieder am Auto. Sei pünktlich!“

Erleichtert verließ ich die anderen Drei und ging geradewegs Richtung Römerplatz los. Den kannte ich noch ganz gut vom Kirchentag, der einige Monate zuvor stattgefunden hatte. Ich verteilte einige Traktate, merkte aber, dass ich weiter musste. Und so lief ich im Blindflug durchs abendliche Frankfurt, mich aber in der Innenstadt haltend. Wo war der „Einäugige“?

 

Etwa gegen 21.30 Uhr entschied ich, dass ich langsam den Rückweg zum Auto antreten sollte. Aber in welche Richtung musste ich? Irgendwie hatte ich etwas die Orientierung verloren, Ich sah ein Mann um die Ecke biegen und ging auf ihn zu. Und erschrak! Der Mann trug ums linke Auge einen Verband mit schwarzer Augenklappe.

„Entschuldigung“, sagte ich, „darf ich sie kurz etwas fragen?“ Der Mann stoppte überrascht und schaute mich fragend an. „Wissen Sie den Weg Richtung Hauptbahnhof?“

Der Mann hatte gerade mit seiner Erklärung geendet. „Was ist mit Ihrem Auge?“, fragte ich ihn. „Ach“, sagte er, „eine OP. Ich bin heute aus dem Krankenhaus entlassen worden. Das wird schon wieder!“ Ich erzählte ihm von meinem Gebetseindruck und dass ich auf der Suche nach einem „Einäugigen“ in Frankfurt unterwegs wäre.

Der Mann machte einen erstaunten Eindruck. „Glauben Sie an Gott?“, fragte ich ihn. „Ja, irgendwie schon! Aber ich bin kein Christ und auch kein Kirchgänger“, lautete seine Antwort. „Ich würde gerne für Sie beten“, sagte ich. „Sind Sie einverstanden damit?“ Er nickte.

Und so kam es, dass ich dort auf dem Bürgersteig für seine Genesung und sein Heil betete unter Handauflegung betete. Danach reichte ich ihm ein Traktat und verabschiedete mich von ihm. „Danke!“, sagte er. Und irgendwie schien es mir, als ob ihn ein göttlicher Lichtstrahl getroffen hätte. Freudig machte ich mich auf den Weg zurück zum vereinbarten Treffpunkt.

 

 

 

 

 

15. Feb, 2017

 

Manche(r) mag nun denken: Also was war denn jetzt so Besonderes an der Parkhausgeschichte? Solche Dinge passieren gelegentlich. Man vergisst halt manchmal wo man sein Auto geparkt hat und muss es suchen. Stimmt! Aber drei Stunden lang ?

Aber so sehr ich auch darüber nachdachte, fand ich keine Erklärung dafür. Weder eine rationale noch eine spirituelle ... sollte mir vielleicht damit etwas gesagt oder gezeigt werden? Aber was?

 

Seit jenem Vorfall sind nun fast dreißig Jahre vergangen. Und erst jetzt beginnt mir langsam zu dämmern, welche Bewandtnis es mit jenem Ereignis von damals haben könnte. Und dies hängt mit einem Text zusammen, den ich vor einigen Monaten gelesen habe.

Das besagte Kapitel in dem Buch "Warum Gott uns warten lässt" heißt: Runden drehen im runden Haus   ... kurz gesagt geht es darum, dass man manchmal eine Berufung von Gott erhält, aber warten muss. Manchmal viele Jahre lang, bis man innerlich zubereitet für die von Gott zugedachte Aufgabe ist.

Und wenn ich letzten 26 Jahre im Rückblick betrachte, habe ich eine Ahnung davon bekommen was es heißt Runden im runden Haus zu drehen .

Genau wie ich in jenem runden Parkhaus Runde um Runde auf auf der Suche nach dem geparkten Wagen drehte, so habe ich seitdem viele Runden in meinem Leben gedreht. Auf der Suche nach meiner  Berufung und Bestimmung, die mir in Bremen abhanden kommen sollte.

Aber ich will den weiteren Geschehnissen jetzt nicht vorgreifen. Damals am Ende des ersten Bibelschuljahres war ich voller Tatendrang und in der vollsten Überzeugung, meine Berufung gefunden zu haben. Ich glaubte mich berufen anderen das Wort Gottes zu predigen oder zu lehren. Und hatte wirklich nicht die leiseste Ahnung von dem, was mich schon bald in Bremen erwarten würde.  Der Mensch denkt, aber Gott lenkt!

 

2. Feb, 2017

 

Je mehr ich über die neue Entwicklung nachdachte, um so besser gefiel sie mir. Das Anerkennungsjahr für Sozialpädagogik im Vorbeigehen mitzunehmen und keine Schulzeit dabei zu verlieren, hatte etwas von einer genialen Idee. Zudem würde ich aus dem Bibelschulalltag herauskommen, der doch etwas von einem Biotop hatte.

Während ich also tatsächlich so etwas wie Vorfreude auf Bremen entwickelte, sprach mich jemand aus der Mittelstufe an. Wir kannten uns aus dem Jesushaus (Düsseldorf). Er wohnte zusammen mit seiner Frau außerhalb der Bibelschule in einer ganz normalen Wohnung. "Hör mal, Heiner, könntest du mir einen Gefallen tun?"

Kurzum, es ging darum einen Ältesten der Jesushausgemeinde (Düsseldorf) Samstagabends vom Frankfurter Flughafen abzuholen und ihn zu Verwandten nach Langen (Nähe Bibelschule) zu fahren. Und zwar mit dem Wagen des "Mittelstuflers". Ich freute mich über ein wenig Abwechselung und sagte zu.

 

Es lief anfangs auch alles gut. Ich kam rechtzeitig am Flughafen an, stellte den Wagen im Parkhaus ab und wartete am Ankunftsterminal. Die Maschine aus Israel traf pünktlich ein und bald schüttelte ich die Hand eines braungebrannten Günther U. "Ok", sagte ich, "ich hole kurz den Wagen und dann fahren wir los!"

Aus dem kurzen Holen des Wagens wurden drei  Stunden eines zunehmend verzweifelteren Suchens in dem vielstöckigen Parkhaus. Ich konnte mich nicht mehr im Geringsten erinnern, wo ich ihn abgestellt hatte. Und so irrte ich auf den verschiedenen Stockwerken umher ... viele erfolglose Runden drehend. Und der Himmel schwieg zu meinem Bemühen! Keine Eingebung, kein Fingerzeig! Nichts! Einfach nur Schweigen!

 

Während ich, wie schon gesagt, zunehmend verzweifelter wurde, blieb Günther voll engelhafter Geduld. Kein böses Wort von ihm ... nur ein ermutigendes: Such weiter!? Wahrscheinlich betete er intensiv für mich, aber es änderte nichts! Ich irrte weiter im Parkhaus umher. Mich irritiert fragend, was das Alles zu bedeuten hatte. Denn das dies  kein Zufall war, war mir vollkommen klar.

Schließlich nach wie gesagt dreistündigem Herumirren fand ich den Wagen doch noch. Welch eine Erlösung! Ich brachte Günther nach Langen, stellte dann in Erzhausen den Wagen vor  der Wohnung des Mittelstuflers ab und wanderte rüber zur Bibelschule. Ich fühlte mich innerlich sehr, sehr leer. Was um alles in der Welt sollte mir dieser Abend sagen?

 

 

1. Feb, 2017

 

Folge 70:

Die ganze Heimfahrt über sprach ich kaum ein Wort. So schwer hatten mich Bruder Krügers Worte getroffen. Aber als ich dann in St.Tönis bei Hubert angekommen war, tauchte ich wieder in die dortige fröhlich-vertraute Atmosphäre ein. Es war wie ein Nachhausekommen zu Freunden und mein Kummer geriet schnell in den Hintergrund.

Ich genoss die freien Tage in vollen Zügen und dachte erst auf meiner Rückreise wieder an das bevorstehende Gespräch mit Bruder Krüger . Nein, ich werde mich schlichtweg weigern mein Anerkennungsjahr für Sozialpädagik nachzuholen. Ich werde nicht nach Bremen gehen! dachte ich wütend

Mit großer Entschlossenheit betrat ich am nächsten Morgen das Büro des Bibelschuldirektors. Nach einer kurzen Begrüssung wollte ich sofort meinen Unmut loswerden, aber Bruder Krüger kam mir zuvor und begann mir seinen Vorschlag näher zu erläutern.

Hatte ich anfangs nur halb zugehört, gewann er auf einmal  meine ganze Aufmerksamkeit. "Du machst also das Anerkennungsjahr in Bremen und kommst dann zum dritten Schuljahr auf die Bibelschule zurück." Leicht irritiert unterbrach ihn: "Und was ist mit dem zweiten Schuljahr?" "Das schenken wir dir! Deine schulischen Leistungen sind ja sehr gut ... das wird schon funktionieren. Wir schlagen so zwei Fliegen mit einer Klatsche!"

Langsam dämmerte es,  welch eine Chance mir da geboten wurde. "Aber ich bekomme Bafög für den Schulbesuch, nicht für ein Anerkennungsjahr!" "Das sollte kein Problem sein ... wir nennen es ein praktisches Feldforschungsjahr! Am Ende machst du eine kleine Prüfung. Die entsprechenden Schul-themen senden wir dir zu!"

Natürlich war dies schon etwas zurecht gebogen, aber im Prinzip konnte es dem Bafögamt ja egal sein, wie und wo ich mein zweites Schuljahr machte. Und so stimmte ich zu! "Prima", sagte Bruder Krüger und reichte mir die Hand.