14. Jan, 2017

 

Folge 69:

Das erste Schuljahr neigte sich dem Ende zu. Es waren acht intensive Monate gewesen. Nun sollte noch ein dreieinhalbmonatiges Gemeindepraktikum folgen. Ich war gespannt, wohin man mich schicken würde. Aber zuvor wollte ich noch die Ostertage bei Hubert in St.Tönis verbringen.

Auf dem Bibelschulgelände herrschte große Aufbruchstimmung und ich saß schon im Auto inmitten einer kleinen Fahrgemeinschaft Richtung Rheinland, als auf einmal Bruder Krüger herbeieilte. Er bat mich kurz auszusteigen.

Als wir uns draußen nun gegenüber standen sagte er: "Ich wollte dir mitteilen, dass wir im Lehrerkollegium über dich beraten haben und fanden, dass du unbedingt dein Anerkennungsjahr für Sozialpädagogik nachholen solltest. Du könntest das in Bremen machen ... dort gibt es ein Sozialwerk, was zu unserem Verbund gehört! Lass es dir über Ostern mal durch den Kopf gehen. Wir sprechen dann nach Ostern darüber. Gesegnete Feiertage!" Er reichte mir die Hand und eilte im nächsten Moment wieder Richtung Bibelschulgebäude.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Das konnte doch unmöglich Ernst gemeint  sein. Ich soll mein Anerkennungsjahr für Sozialpädagogik nachholen? Dieses Kapitel meines Lebens war doch geschlossen! Ich wollte Prediger oder Missionar werden! Deshalb war ich doch auf der Bibelschule!

"Kommst du?" sagte der Fahrer. "Wir wollen los!" Wie benommen stieg ich wieder ins Auto.

 

 

 

10. Jan, 2017

 

Folge 68:

Eines Nachts hatte ich einen selten klaren Traum. Ich sah eine Weltkarte, ähnlich wie eine, die in einem der Schulgänge hing. Und ein einziger roter Pfeil zeigte von Erzhausen nach Lima (Peru). Während ich im Traum die Karte betrachtete sagte eine Stimme: "Die Pucas in der Hand des Teufels!" Dann wachte ich auf.

Eine Zeitlang lag ich still da und fragte mich, ob dies jetzt vielleicht eine Art Berufungstraum war. Sollte ich vielleicht später mal als Missionar nach Peru gehen? Und wer waren die Pucas? Klang nach einem Indiostamm.

Am nächsten Tag ging ich dieser Spur nach. Und tatsächlich fand ich heraus, dass puca in der Ketschuasprache "rötlich, rotfarben" bedeutete und es in Peru tatsächlich einen Indiostamm gab, der das Wort puca im Namen führte. Wenn ich mich recht erinnere ging das auf ihre rotgefärbten Füße zurück. Außerdem gab es in Peru zwei Städte - Pucara und Pucallpa - die das Wort im Namen tragen. Sonst gabe es das - zumindest nach meiner Recherche - nirgendwo auf der Welt.

Da also sowohl der rote Pfeil als auch das Wort puca nach Peru wiesen, beschloß ich den Traum Ernst zu nehmen und im Hinterkopf zu behalten. Vielleicht war es ja wirklich ein göttlicher Fingerzeig!?

Ein paar Tage später hatten wir einen Weltgebetstag auf der Schule. Nach einer Veranstaltung wurden wir angehalten am Nachmittag an einem ruhigen Ort alleine für eine Region zu beten, die uns auf dem Herzen läge.

Und so begann ich dann später auf dem Zimmer für die unerretteten Seelen in Südamerika zu beten. Was aber dann passierte, traf mich vollkommen unerwartet. Ich bekam mitten im Gebet einen heftigen Weinkrampf, der mich erschütterte. Was ist denn jetzt los? dachte ich.

Später, als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, dachte ich: Vielleicht habe ich gerade das erlebt, was als oft in Predigten als Last Gottes (für die Verlorenen) bezeichnet wurde. Es war wirklich eine erschreckende Erfahrung gewesen!

 

9. Jan, 2017

 

Folge 67:

Grundsätzlich herrschte auf der Bibelschule eine recht gute Atmosphäre. Im Allgemeinen wurde ein recht freundlicher Umgang miteinander gepflegt und die Gegenwart Gottes war täglich deutlich spürbar in vielen kleinen und manchmal auch größeren Dingen. Dort herrschte tatsächlich ein Friede, wie ihn die Welt im Allgemeinen nicht kennt.

Und auch heute - nach so vielen Jahren - würde ich sagen, dass dort ein theologisches Fundament in mir gelegt wurde, dass auch heute noch Bestand hat. Wenn ich auch nicht mit allen Punkten der damaligen Lehrmeinungen übereinstimme, so sind die Kernpunkte des Glaubens dieselben geblieben. Besonders aber der, dass nichts Wichtiger ist als das persönliche Gegründetsein in Jesus. Dies wurde immer wieder betont und auch glaubhaft vor- und ausgelebt.

Ich kann mich noch an etliche Begebenheiten, Andachten oder Gespräche erinnern. Es sind zu viele um sie hier alle zu erzählen.  Ein besonderer Schwerpunkt lag auf dem Thema "Gaben und Berufung". Und da konnte man sich auch durchaus ausprobieren.

Einmal waren Leuten von einem christlichen Radiosender auf unserer Schule. Sie hielten einige Vorträge und Seminare ab und am Ende sollte jeder eine fünfminütige Radioandacht zum Thema Ostern auf eine Kassette aufnehmen. Die wurde dann in Anwesenheit aller Schüler vorgespielt und bewertet.

Ehrlich gesagt interessierte mich dieses Thema nicht allzusehr und ich gab mir auch bei der Kassettenaufnahme nicht sonderlich Mühe. Aber erzählte eine interessante Geschichte, die sich in meiner Geburtsstadt Essen - Werden zugetragen haben soll.

Beim Bau einer dortigen Kirche soll ein Arbeiter vom Dach gefallen sein. Aber er hatte Glück im Unglück ... er entging dem sicheren Tod, weil unten eine Schafherde graste und ein Lamm, welches  dadurch umkam,  seinen Sturz dämpfte. Die Analogie zu Jesus, dem Lamm Gottes, welches für uns starb, war leicht gezogen.

Das war originell und - nach meinem dafürhalten - inhaltlich um Einiges besser als was ansonsten geboten wurde. Allerdings war meine  Präsentation leicht lustlos - gelangweilt gewesen. Was in gewisser Weise auch Absicht gewesen war.

Natürlich hatte ich jetzt keinen großartigen Applaus erwartet, aber der einsetztende "shit-storm" von Einigen aus der Mittelklasse überraschte mich  dann doch etwas. Ihnen war ganz offensichtlich die äußere Form wichtiger als der transportierte Inhalt. Was übrigens auch in ihren eigenen Beiträgen ersichtlich war.

Ich sagte nichts dazu, war aber leicht enttäuscht als die Radioleute sich dieser Beurteilung anschlossen und mich als total untalentiert für das Medium Radio bezeichneten. Da hätte ich mir eine etwas ausgewogenere Beurteilung - inhaltlich gut, Ausführung mangelhaft - gewünscht. Passend dazu wurden die "Plaudertaschen" aus der Mittelklasse sehr gut bewertet.

Nun gut, ich will diese Geschichte jetzt auch nicht zu hoch hängen. Ich hätte mir ja auch etwas mehr Mühe geben können. Tröstlich fand ich aber, dass am nächsten Tag eine Schülerin zu mir kam und sagte, dass sie meine Lamm-Geschichte toll fand und sie angerührt hätte.

25. Dez, 2016

 

Folge 66:

Am Abend waren wir dann - wenn ich mich recht erinnere - ganz unter uns. Die ganze Flyeraktion war wirkunslos verpufft. Nur Gemeindemitglieder und Bibelschüler waren in der Versammlung anwesend!

Frank, unser Klassensprecher,  hatte mir die Lobpreisleitung übertragen und ich gab so richtig Gas ... überzog dann aber vielleicht etwas mit einer Weissagung, in der ich prophezeihte, dass Esslingen eine Erweckung erleben würde. Man solle also nicht traurig sein, dass an diesem Abend niemand gekommen sei!

Genau deswegen stellte mich Frank später zur Rede und teilte mir mit, dass es so nicht weiterginge. Ich hätte jetzt die ganze Woche mein eigenes Ding gemacht ... wäre kein Teamplayer gewesen. In Zukunft würde er mich nicht weiter berücksichtigen.

Ich nickte nur kurz und entgegnete: "Ist mir recht ... ich versteh dich schon, aber ich bin halt so wie ich bin!" Im Grunde war das nur der Schlusspunkt einer Entwicklung. Es passte einfach nicht wirklich .... beschaulich-frommes Christsein war einfach nicht mein Ding ... ich wollte einfach Abenteuer mit Jesus erleben!

Eine gute Sache ist mir aber dennoch von diesem Abend in Erinnerung geblieben. Dies war ein kurzer Vortrag eines Klassenkameraden, der uns mit "Rohdiamanten" verglich, die Gott solange schleifen würde, bis aus uns ein richtiger Edelstein geworden wäre.

Mir gefiel dieses Bild! Und auch heute, viele Jahre später, sehe ich das noch ganz genauso! Und manchmal sind gerade andere Menschen, die uns nicht so liegen,  solche besonderen Schleifsteine Gottes!

22. Dez, 2016

 

Folge 65:

Samstag war unser geplanter Hauptabend. Hier sollte in der Gemeinde ein von uns durchgeführter evangelistischer Abend stattfinden. Zu diesem Zweck gingen wir tagsüber in Zweierteams durch die Stadt und verteilten Einladungsflyer. Das heisst, ich ließ mir eine Extrawurst braten und ging alleine.

So wie ich es empfand ging ich durch die Stadt und verteilte gezielt einige Flyer an Personen, die mir auffielen. Irgendwann landete ich dann auf einem großen Burghof, von wo aus man über die ganze Stadt blicken konnte.

Es waren vielleicht 40 Personen anwesend. Wem sollte ich einen Flyer anbieten? Ich konnte mich nicht entscheiden.

Mir fiel ein, dass ich ja Macht hatte in unsichtbaren Raum hinein zu befehlen ... irgendwer hatte so etwas mal gelehrt. Eine gute Gelegenheit, dies mal auszuprobieren: "Im Namen Jesu befehle ich, dass alle Personen jetzt den Platz verlassen, die hier nicht hingehören!"

Ich hatte es kaum ausgesprochen, als sich plötzlich fast alle auf dem Burghof befindenden Personen - unabhängig voneinander - Richtung Abgang zu bewegen begannen ... als wenn sie einen inneren Befehl erhalten hätten. Dies war ein so absurdes Bild, dass ich es fast nicht glauben konnte. Aber der Zusammenhang zwischen meinem Gebet und dieser Bewegung war mit den Händen zu greifen.

Zurück blieben vier junge Frauen, die nun in einiger  Entfernung von mir standen. Es war mehr als offensichtlich, dass ich sie nun für die Abendveranstaltung einladen sollte. Und plötzlich, ähnlich wie bei dem auf dem Wasser gewandelten Petrus, begann mein Glaubensmut zu Schmelzen und ich in den Fluten meiner Schüchternheit zu versinken. Ich konnte mich einfach nicht überwinden, zu den Mädels hinüberzugehen und sie für den Abend einzuladen.

Schließlich zogen sie ab und blieb alleine auf dem Burghof zurück. Zerknirscht und mit einem schlechten Gewissen. Ein geschlagener "Glaubensheld"!